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Eine großartige Veranstaltungsreihe ging zu Ende: Warhol in Frankfurt

21 Juli, 2014 - 14:18

Am letzten Donnerstag, 17. Juli 2014, endete mit einer Podiumsdiskussion eine zweisemestrige Veranstaltungsreihe, die in vielerlei Hinsicht ein dickes Lob verdient. 15 Abendvorträge von internationalen Wissenschaftlern, Autoren und Kritikern erläuterten Aspekte des filmischen Werkes von Andy Warhol unter dem (auch ironisch zu verstehenden) Titel „Easier than Painting“. Daran schloss sich jeweils eine Filmvorführung mit restaurierten Kopien, allesamt Leihgaben aus dem Museum of Modern Art in New York, im 16-mm-Format auf der Kinoleinwand des Frankfurter Filmmuseum s an. Es war eine einmalige Gelegenheit, die Filme in angemessener und guter Projektion zu sehen, denn zu oft werden sie im Ausstellungskontext auf einem Monitor in schlechter Qualität präsentiert. Die Konzentration auf die Filme erneuerte den Blick auf Warhols Schaffen, ist er doch durch die massenhafte Reproduktion von Suppendosen und Marilyns gesättigt und gelangweilt.

 

Die Reihe wurde durch eine Kooperation möglich gemacht, die schon zuvor mit einer Jean-Luc-Godard-Reihe begonnen hatte und ab dem Wintersemester 2014 mit Pasolini weitergeführt wird: die Frankfurter Kunstgeschichte mit Henning Engelke und Regine Prange, das Frankfurter Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft mit Vinzenz Hediger und Marc Siegel sowie das Filmmuseum Frankfurt, namentlich Urs Spoerri, das die Leihgaben besorgte. Die Vorträge hielten u.a. Amy Taubin, Michael Diers, Brigitte Weingart, Juan Suárez, Juliane Rebentisch, Douglas Crimp, Diedrich Diederichsen. "Easier than Painting" war aufgrund der Leihgaben eine teure Veranstaltung, sie war sehr gut besucht, auch wenn sie mit der an die Vorträge und Filme sich anschließenden Diskussionen oft erst spät endete und die Geduld von universitätsfern tätigen Frühaufstehern herausforderte. Die sechsstündige Aufführung von Sleep  (1963) beispielsweise wurde gar zu einem „Event“: Der Film erweiterte sich in den Zuschauerraum, man holte sich Getränke, kam und ging. Das sich stets nur wenig verändernde, flackernde Bild des Schlafenden faszinierte, erhob das genaue Hinsehen zu einer heilsamen Ausweg aus dem permanenten, schnellen Bilderwechsel unserer Tage. In den Resümees, die am Donnerstag von den vier Organisatoren Engelke, Hediger, Prange und Siegel gezogen wurden, erschienen das Mediumspezifische, das Expended Cinema, die amateurhafte Gesamterscheinung/die Thematisierung des Scheiterns, das Narrative vs. das Nichtnarrative, die Offenheit im Hinblick auf die Filmkultur und die Stellungnahme gegen europäische Kunsttraditionen als die Punkte, die im Hinblick auf Warhols filmisches Schaffen weiterzuverfolgen sind.

Eine Interdisziplinarität ist unabdingbar, wenn man sich mit Warhols Filmen beschäftigt. Die Kunstgeschichte hat diesen Teil seines Werkes stets ausgeblendet, was, so hieß es in der abschließenden Podiumsdiskussion, auch in der Abwertung des Films gegenüber der bildenden Kunst, in der weniger kommerziellen Verwertbarkeit von Film generell begründet liegen mag - und sicherlich auch mit den „schmutzigen“ Sujets der Filme angesichts einer allgemeinen Homophobie einhergeht, wie Marc Siegel bemerkte. Die Kunstgeschichte beginnt zu Recht – in Frankfurt ist das Regine Prange zu verdanken – ihre Kompetenzen auf den Film hin zu erweitern.

Die Veranstaltung wird in ein Buch münden, das im nächsten Jahr im Fink Verlag erscheinen soll und die Vorträge mit zusätzlichen Texten einbindet. Auf dem Youtube-Kanal des Deutschen Filminstituts kann man einige der Vorträge nachholen. Idealerweise sollten auch die Filme online sein, aber das wird wohl kaum mit der Marke Warhol und den Rechteinhabern zu machen sein – es widerspräche allerdings auch der einzig adäquaten Präsentationsform: der Großprojektion im Kinosaal.

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Online: Das Lebenswerk des letzten großen Unbekannten der Fotografiegeschichte des 20. Jahrhunderts

18 Juli, 2014 - 15:27

2013 wurde erstmals das Werk des deutsch-amerikanischen Fotografen Hermann Landshoff (1905 in München -1986 in New York) in einer eindrucksvollen Retrospektive im Münchner Stadtmuseum gewürdigt. Der Katalog zur Ausstellung „Hermann Landshoff – Eine Retrospektive. Photographien 1930-1970“ gibt umfassend Auskunft über Leben und Werk des Fotografen und lädt anhand von 250 ausgewählten Aufnahmen ein zur Neu- bzw. Wiederentdeckung eines der letzten großen Unbekannten der Fotografiegeschichte des 20. Jahrhunderts. Diese Entdeckungsreise kann jetzt erstmals auch durch das vollständige  Gesamtwerk des Fotografen  erfolgen. Im Archiv der Fotografen der Deutschen Fotothek werden in Kooperation mit der  Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums  nun erstmals alle rund 3.500 Aufnahmen digital präsentiert.

 

Leonora Carrington (sitzend), André Breton, Marcel Duchamp, Max Ernst (von links nach rechts) mit dem Gemälde "Akt am Fenster" des Malers Morris Hirshfield, New York 1942

 

Das Werk umfasst hauptsächlich Mode- und Portraitfotografien, die er seit den 1930er Jahren für Magazine wie Vogue, Harper’s Bazaar, Mademoiselle u.a. aufgenommen hat. Landshoff, aus wohlhabendem musisch geprägten jüdischem Elternhaus stammend, war als Fotograf ein Autodidakt. Er begann seine Laufbahn 1930 als Bildjournalist in München, zuvor war er bereits als Grafiker und Karikaturist erfolgreich gewesen. Die Karriere als Modefotograf begann in Paris, der ersten Station seines Exils, das ihn 1942 nach New York führte, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Landshoffs Fotografien wurden für die internationale Modefotografie wegweisend durch die Einführung dynamischer Kompositionen sowie spontaner Bewegungs- und Alltagssituationen und wurde u.a. von Modefotografen wie Richard Avedon rezipiert. Obwohl Landshoffs Arbeiten während seiner Karriere einen enormen Einfluss besaßen, blieb ihnen eine fotografiegeschichtliche und museale Würdigung bis 2013 versagt, da kaum Werke in öffentlichen Sammlungen vorhanden sind und der Nachlass bis dato nicht ausgestellt und publiziert wurde.

 

Parallel zu den Modeaufnahmen widmete sich Landshoff der Portraitfotografie. Er schuf Portraits von Künstlern, Wissenschaftlern und Fotografen. Sie entstanden vor allem seit 1942 im amerikanischen Exil des Fotografen. Die Portraitierten teilten häufig das Schicksal Landshoffs, der aufgrund seiner jüdischen Abstammung in die Emigration gezwungen wurde. Es entstanden u.a. Aufnahmen von den Physikern  Albert Einstein  und Robert Oppenheimer, von Künstlern wie Max Ernst und Marcel Duchamp, dem Kunstkritiker  Max Osborn  sowie ein in der Fotografiegeschichte einzigartiger Portraitzyklus von rund 70 der bedeutendsten Fotografen der Zeit, darunter  Edward Steichen Walker Evans Ansel Adams Robert Frank Irving Penn  und  Richard Avedon . Es ist das persönliche „Who‘s Who“ von Landshoff, aber objektiv betrachtet hat er die Mehrzahl der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts ins Bild gesetzt.

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Gnade vor Recht – Gestohlene Kreuzigung aus der Cranach-Werkstatt wieder gefunden!

17 Juli, 2014 - 10:24

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Im 19.Jahrhundert hat die Kirchengemeinde St. Trinitatis in Leipzig ein 1546 datiertes Epitaph mit der Darstellung einer Kreuzigung und Stiftern erworben. Dieses galt, seit es im Zweiten Weltkrieg ausgelagert worden war, als verschollen. Bis vor kurzem wurde auf der Internetseite der Propstei Leipzig nach der Tafel gefahndet.

Im Zuge der umfangreichen Recherchen des Cranach Research Institute (cri) nach Werken aus der Cranach-Werkstatt für die Forschungsdatenbank www.cranach.net wurde bereits 2012 auf der Internetseite einer Restauratorin das Werk entdeckt und zugeordnet. So konnte nachvollzogen werden, dass die Tafel wahrscheinlich durch Vermittlung eines Dresdner Restaurators 1996 an die Fachhochschule Köln kam, wo sie durch die damalige Studentin restauriert wurde. Die Hintergründe über die Herkunft schienen dem dort als Professor tätigen Cranach-Spezialisten nicht bekannt gewesen zu sein. Bereits 1989 verließ das Epitaphium ein namhaftes Amsterdamer Auktionshaus für 18.000 NLG. Nachdem die Tafel 1991 im Besitz eines Münchener Kunsthändlers war, stand sie 1996 im Mittelpunkt einer Augsburger Auktion. Von dort ging sie für 70.000 DM in bayerischen Privatbesitz über. Der neue Besitzer stiftete das Bild später einer Benediktinerabtei, wo es sich aktuell noch befindet.

Der rechtliche Eigentümer in Leipzig zeigte sich über die Identifikation des Aufbewahrungsortes des Bildes, nach dem die Propstei so lange gesucht hatte, erfreut, unternahm aber keine weiteren Schritte. Die Suchmeldung im Internet ist mittlerweile gelöscht.

Es erging von klerikaler Seite wohl Gnade vor Recht!</article>

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Zürcher Erklärung zur digitalen Kunstgeschichte

16 Juli, 2014 - 10:46
Eine Initiative des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft

Nicht nur durfte ich bei der Tagung in Zürich einen Vortrag halten, der auch in diesem blog veröffentlicht ist, sondern ich konnte wie viele andere eine Erklärung mitunterzeichnen, die von dem Institut dankenswerterweise herausgebracht wurde. Sie können sie hier finden. Wichtig wäre es, wenn Sie sich den Forderungen selber anschließen könnten und dies auf dieser Seite auch zum Ausdruck bringen würden. 

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Cranach? Wenig spannend bis langweilig!

15 Juli, 2014 - 09:57

Während eines Gesprächs merkte ein Kollege zur Forschung über Cranach an: wenig spannend bis langweilig! Auch den Kunstmarkt scheint in Bezug auf Cranach nur eine Frage zu bewegen: von der Hand des Meisters oder -nur Werkstatt-? Und dennoch reihen sich Ausstellungen und Fachtagungen mit Cranach-Bezug in schöner Regelmäßigkeit aneinander. Was hierbei allerdings mitunter als kunsthistorische Sensation gefeiert wird, scheint dem Kollegen Recht zu geben.

Warum also ein Blog „Cranachforschung“? Die Antwort könnte lauten: weil es einen Stammtisch braucht, an dem auch mal ein offenes Wort gesprochen werden kann, ohne dass es gleich der Verdammnis bestehender Lehrmeinung zum Opfer fällt. Ein Ort, der auch den scheinbar belanglosen Einwurf sowie erneute Fragen zulässt, deren Beantwortung bislang nicht wirklich gelang. Ein Medium beschleunigten wissenschaftlichen Diskurses mit den Mitteln des web 2.0.

– Find’ ich spannend!

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CfP: 87. Kunsthistorischer Studierendenkongress (Heidelberg, 27. – 30. Nov. 14)

10 Juli, 2014 - 14:38
Call for Papers

Heidelberg, 27.-30. November 2014
Einsendeschluss: 31. August 2014

Der Kunsthistorische Studierendenkongress (KSK) des Wintersemesters 2014/15 wird vom 27. bis zum 30. November 2014 unter dem Motto „Ansichtssache“ in Heidelberg stattfinden.


Kunst ist eine Ansichtssache. Ob es um die Betrachtung eines Werkes, um Interpretationen oder Perspektiven geht, Ansicht lässt sich vielschichtig verstehen: Welche Ansichten bietet ein Werk? Welche Ansichten des Künstlers, des Auftraggebers oder der Gesellschaft spiegelt es wider? Welche Ansichten bestehen über ein Objekt und prallen gar aufeinander?


Ansicht kann das Äußere eines Kunstwerkes betreffen, die Schauseite, auf die es ausgerichtet ist, die Fassade eines Gebäudes oder das Erscheinungsbild einer Stadt. Auf Mehransichtigkeit angelegte Werke wie etwa eine figura serpentinata, Wandelaltäre oder Vexierbilder machen durch das Spiel mit verschiedenen Bedeutungsebenen die Ansicht und ihre Variabilität zum Thema. Bildimmanente Mittel wie die Zentral- oder die Bedeutungsperspektive ermöglichen, die Narration zu verdeutlichen und zu hierarchisieren. Auf inhaltlicher Ebene wiederum können unterschiedliche Lesarten verschiedene Bedeutungen generieren.


Um Ansichten bildlich festzuhalten, wurden diverse Apparate und Techniken entwickelt, angefangen mit der Camera obscura über Fotografie bis hin zum 3D-Kino. Sie werfen unter anderem die Frage nach der Reproduzierbarkeit von Bildern, nach Wahrnehmungsformen und deren Wandel auf. Medium, Materialität und Kontext beeinflussen den Blick des Betrachters, der vom Künstler antizipiert, gelenkt oder manipuliert werden kann. Die Wechselwirkungen zwischen Betrachter und Objekt können ebenso unter verschiedenen Blickwinkeln diskutiert werden.


Oftmals ist auch die Sichtweise auf ein Werk Ansichtssache, was in Zuschreibungsfragen, methodischen Kontroversen und gesellschaftlichen Debatten zum Ausdruck kommt und die Deutung eines Kunstwerkes beeinflusst. So können beispielsweise Paradigmenwechsel und ihre Folgen Gegenstand wissenschaftstheoretischer Überlegungen sein. Aber nicht nur wissenschaftliche, sondern auch politische Systeme streben danach, ihre Ansichten zu visualisieren und zu verbreiten. Ideologisch gefärbte Interpretationen können entstehungszeitlich bedingt sein, aber auch im Nachhinein an ein Kunstwerk herangetragen werden und dessen Lesart bestimmen.


Diesen „Ansichtssachen“ − mit all ihren Facetten − möchten wir auf dem 87. Kunsthistorischen Studierendenkongress in Heidelberg nachgehen. Neben der
Präsentation individueller Blicke auf Kunstwerke aller Epochen und Gattungen soll auch der Austausch über methodische und theoretische Positionen angeregt werden. Als Vertretung und gemeinsames Sprachrohr aller Studierenden der Kunstgeschichte und Kunstwissenschaften im deutschsprachigen Raum bietet der KSK einen Rahmen, um Inhalte und Methoden unserer Disziplin gemeinsam zu besprechen und kritisch zu reflektieren.


Wir laden Studierende aller Semesterstufen, vom Studienanfänger bis zum Promovierenden, sowie Volontäre herzlich ein, sich mit Vorträgen (20-25 Minuten),
Workshops (1-2 Stunden) oder anderen Formaten (Rundgänge, Round Tables etc.) an der Gestaltung des Heidelberger KSK zu beteiligen.


Wir freuen uns auf Eure Beiträge und Ideen!


Abstracts zu Vorträgen, Workshops und anderen Formaten (max. 2.500 Zeichen inkl. Leerzeichen) können zusammen mit einem kurzen akademischen Lebenslauf bis 31. August 2014 gesendet werden an: ksk@zegk.uni-heidelberg.de

www.ksk.uni-hd.de
www.facebook.com/KSKHeidelberg


Veranstaltungsort

Institut für Europäische Kunstgeschichte
ZEGK – Universität Heidelberg
Seminarstraße 4
69117 Heidelberg

Vorschläge für Vorträge und Workshops können sich an folgenden Themenschwerpunkten orientieren:

  • Ansichten zu Kunstwerken aller Epochen und Gattungen, Architekturtheorie und Städtebau
  • Mehransichtigkeit
  • Erzählstrategien
  • Bildzitate, Interpikturalität, gemalte Kunsttheorie
  • Bildgebende Verfahren und Techniken
  • Kunsttheoretische Debatten und Paragone
  • Geschichte der Kunstgeschichte
  • Methodendebatten und ihre Auswirkungen
  • Kunstbegriff
  • Zuschreibungsfragen
  • Globale Perspektiven und Alterität
  • Kunstkritik
  • Politische Kunst
  • Rezeptionsästhetik und -geschichte
  • Sammlungsgeschichte und museale Präsentationsformen
  • Konservierung, Restaurierung und Denkmalpflege
  • Kunstfälschung
  • Kunstrecht
  • Digitale Kunstgeschichte

 

 

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Wünsch Dir was! Das "Wunschbuch Kunst"

7 Juli, 2014 - 08:32

Neben der Berücksichtigung von Anschaffungsvorschlägen für gedruckte Kunstbücher erfüllt die Universitätsbibliothek Heidelberg nun auch Digitalisierungswünsche!


Digitalisiert werden können folgende Titel:

  • Gemeinfreie Bücher, also Titel, deren Autoren mehr als 70 Jahre tot sind.
  • Sie sind selbst der Autor/die Autorin und übertragen uns die einfachen Nutzungsrechte zur Digitalisierung eines Aufsatzes oder einer Monographie. Ggf. müssen hier noch die Rechte des Verlages etc. geprüft werden.
  • Sonstige Werke, allerdings nur, wenn mit Autor und Verlag die Rechte geklärt wurden.


Bitte wenden Sie sich per E-Mail mit Ihrem Digitalisierungsvorschlag an effinger@ub.uni-heidelberg.de und machen Sie möglichst genaue Angaben, um welchen Titel es sich handelt.

Dieser Service wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Kontext des Projektes "arthistoricum.net - Fachinformationsdienst Kunst" gefördert.

Siehe auch http://www.ub.uni-heidelberg.de/fachinfo/kunst/wunschbuch.html .


Eine Übersicht der bislang in Heidelberg digitalsierten kunstwissenschaftlichen Literatur finden Sie unter http://kunstliteratur-digital.uni-hd.de .

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Digitale Kunstgeschichte. Plädoyer für eine Normalisierung III

4 Juli, 2014 - 11:23

Fortsetzung des Züricher Vortrages

Damit bin ich bei den Big Data, denn open access führt genau zur Ansammlung von großen Datenmengen in maschinenlesbarer Form.

  Motto: Big is better - nicht immer, aber immer öfter

Die Geisteswissenschaften halten sich ja viel darauf zugute, Qualitatives gegenüber Quantitativem zu priorisieren, wir hatten das eben schon bei quick and dirty. Das ist irgendwie eine wohlfeile Forderung, denn wer würde von sich aus die Menge der Güte vorziehen? Aus dem gleichen Grund steht man ja auch mit der Forderung "quick and dirty" auf ziemlich verlorenem Posten. Aber wenn man mit dem Computer arbeitet, muss man sich nun einmal mit der Tatsache vertraut machen, dass dieser seine Vorteile vor allem in der hyperschnellen Prozessierung von  großen Datenmengen ausspielt. Und dass Quantität vielleicht auch in Qualität umschlagen kann. Es macht einfach keinen Sinn, das neue Medium an das zu ketten, was uns bislang als notwendig erschien. Wenn wir schon nicht mehr mit dem Stift schreiben, dann sollten wir uns auch ein wenig auf die Logik des anderen Schreibgerätes einlassen!

Ganz praktisch kann man sich auch als Laie mit big data beschäftigen, wenn man mit googles ngram auf Wortfrequenzanalysen in gedruckten historischen Quellen experimentiert. Meistens kommen dabei Ergebnisse heraus, die man erwartet. Dass "Lithographie" vor 1800 überhaupt nicht vorkommt, hängt mit der Tatsache zusammen, dass es diese Technik zu dem Zeitpunkt noch nicht gab. Dass der Begriff in Texten nach 1830 besonders häufig auftaucht, dürfte mit Daumier zu erklären sein. So weit so erwartbar. Aber was machen wir mit dem peak in den 1850er Jahren? Big data-Analysen führen dort, wo sie interessant sind, eher zu Fragen, als dass sie diese beantworten. So viel zur Furcht der Lordsigelbewahrer der Tradition, der Computer würde die Wissenschaftler überflüssig machen. Im übrigen führen diese big data schlicht zu einer Empirisierung des Faches und werden manches liebgewordene historische Vorurteil eventuell auch widerlegen. Sie priorisieren die Breite der Wissensproduktion gegenüber der Einzigartigkeit der produktiven Leistung, stehen also in gewisser Weise quer zu einer genialische Kreativität favorisierenden Wissenschaft, die die Kunstgeschichte lange Zeit gewesen und zuweilen jetzt noch ist. Wenn ich in einer Bilddatenbank nach einem Stichwort suche, kommen zwangsläufig  eine ganze Reihe von mir vielleicht völlig unbekannten Künstlern dabei heraus, während ich vorher allenfalls das sattsam bekannte halbe Dutzend im Kopf hatte. Entkanonisierung wäre hier das Stichwort. 

Dieses wenige zur Kunstgeschichte als Konsumentin von big data, aber im open access kann sie eben auch Produzentin davon sein. Eine zukünftige Wissenschaftsgeschichte wird wenigstens teilweise eine auf der Basis von big data in Form von maschinenlesbar veröffentlichten Forschungsarbeiten agierende sein. Wie ändert sich die Konjunktur von Künstlern und Fragestellungen? Wie deren Bewertung? By the way und horribile dictu: Könnte nicht ein zukünftiges Berufsfeld der Kunstgeschichte auch in Kunstmarkt-bezogener sentiment analysis bestehen? Also: nach dem Vorbild der Börsenanalytik, wo auf der Basis von Millionen Daten aus den social media die Einschätzung von Aktien vorherbestimmt wird, was dann natürlich in Kauf- oder Verkaufsempfehlungen mündet: Ließe sich das nicht auch für zeitgenössische (oder natürlich auch ältere) Künstler organisieren, um damit auf deren Preisentwicklung schließen zu können?

Voraussetzung für all dies ist natürlich, dass die digitale Online-Präsenz zum Normalfall der Veröffentlichung wird. Bisher ist es eher so, dass wir das Digitale als ad on auf dem Analogen betrachten, dabei müsste es natürlich andersherum sein. Das ist weniger radikal als es klingt, weil nämlich das Digitale alle anderen Medien in sich einschließt. Papier in bytes zu verwandeln ist ziemlich kompliziert, vor allem wenn man das, was drauf steht, mittels OCR auch lesbar machen  will; bytes in Papier sehr viel weniger, das druckt man einfach aus. An sich ist ja die ganze Situation schon seit 20 oder 30 Jahren einigermaßen absurd. Fast jeder produziert eine elektronische Datei, die er dann in den Verlag trägt, der diese Datei im Anschluss an die Buchproduktion wieder löscht, um damit einen ungeheuren Mehrwert zu zerstören. Was geht uns - mit Verlaub - der Verlag an, der bei paralleler online-Veröffentlichung um den Verkauf seiner Bücher fürchtet? Einmal abgesehen davon, dass das gar nicht stimmen muss: Sollen wir auf den Mehrwert der online-Präsenz, und sei es nur die bequeme Suchbarkeit, verzichten, weil wir auf sachfremde Interessen Rücksicht nehmen sollen? Let's face it: So wie die Verlage nicht deswegen Bücher produzieren, weil sie die Wissenschaft so lieben, sondern weil sie Geld verdienen wollen, so ist unser wissenschaftliches Interesse nicht identisch mit dem der Verlage. Das hat nichts mit persönlicher Abneigung zu tun, sondern langfristig mit Überlebensfähigkeit. Immer natürlich unter der Voraussetzung, dass die Analyse stimmt. Da, wo Verlage einen Mehrwert produzieren, bin ich der letzte, der deren Existenzberechtigung in Zweifel zieht. Aber wenn sie sich weiterhin weigern, moderne Veröffentlichungswege mit in ihr Kalkül einzubeziehen, bleibt nichts anderes übrig, als dass wir die Sache selber in die Hand nehmen.

 

Fortsetzung hier

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Digitale Kunstgeschichte. Plädoyer für eine Normalisierung II

2 Juli, 2014 - 08:09

Fortsetzung von dem Züricher Vortrag

Zum Punkt "Digitalisierung und Recht"

Motto: Wenn ich vier Juristen frage, bekomme ich fünf unterschiedliche Antworten. Also lasse ich das Fragen und agiere einfach.

Würde man den Zeitaufwand berechnen, der mit den Versuchen zur Beantwortung der Frage eingesetzt wird, was ich für Erlaubnisse einholen muss, um ein bestimmtes Bild in meiner Veröffentlichung zu reproduzieren, man käme in der Summe wohl auf Jahrtausende. Leider gelte ich ja unberechtigterweise als Kenner in dem Feld und werde permanent gefragt. Dahinter steckt System. Die im weiteren Sinne urheberrechtlichen Fragen sind vor allem im internationalen Maßstab weithin so ungeklärt, dass eine definitive Antwort darauf meist gar nicht möglich ist. Ich habe zuweilen den Eindruck, dass die Verwerterindustrie über diese Sachlage gar nicht so unglücklich ist, führt sie doch dazu, dass man erstens freiwillig irgendwelche Gebühren bezahlt, obwohl diese gar nicht gerechtfertigt sind, oder dass man aus Furcht vor den Konsequenzen eine Abbildung erst gar nicht bringt, insbesondere eben im Internet. Wenn ich mir ansehe, wie insbesondere Museen immer wieder so tun, als besäßen sie irgendwelche Bildrechte an den in ihren Häusern aufbewahrten Werken, dann stehen mir die Haare zu Berge. Ich will jetzt hier gar nicht in die Einzelheiten einsteigen, zumal sie mir weithin ebenfalls einigermaßen undurchschaubar sind. Aber ich möchte doch an das statement eines der besten Kenner der Materie erinnern: Reto Hilty, Direktor des Max Planck-Institutes für Immaterialgüterrecht hat bei einer Diskussionsveranstaltung zum Thema vor zwei Jahren in München einmal ziemlich offen dazu aufgefordert, wir sollten doch als relativ geschützte Angehörige des öffentlichen Dienstes zivilen Ungehorsam praktizieren, anstatt aus Furcht vor den Konsequenzen immer gleich zurückzuweichen. Das muss man sich mal vorstellen: Da ist jemand offenbar so genervt, dass er so etwas an offizieller Stelle einklagt! Andererseits  gibt es auch ermutigende Entwicklungen: Das Rijksmuseum in Amsterdam stellt seine gesamte Sammlung (insgesamt 1 Millionen Bilder) frei zur Verfügung. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz versieht ihre Werke mit einer Creative Commons Lizenz und stellt sie auf "non commercial". Eine Praxis, die in letztem Punkt von den Kennern der Materie zwar in Zweifel gezogen wird, die aber immerhin die Propagandisten der VG Bild Lügen straft, öffentliche Kulturinstitutionen würden somit nur den Gewinninteressen der Verwerterindustrie in die Hände spielen, welche dann mit dem frei zur Verfügung gestellten Material ihren Reibach mache. Die hier an zwei Beispielen benannte Liberalisierung könnte übrigens auch mit der einfachen Tatsache zu tun haben, dass die Museen entdeckt haben, dass die Verwaltung der Einnahmen, die über den Reproduktionsverkauf zu erwarten sind, mehr kostet, als diese Einnahmen selber bringen. In erster Linie aber genügt sie der Einsicht, dass nur eine offensive Verbreitung der eigenen Schätze auch im Internet die Bekanntheit und das Image der jeweiligen Institution langfristig sichert. Darauf komme ich gleich noch einmal zurück.

 

Und wenn ich mir hier wie angekündigt auch noch einen kleinen Schlenker zum open access erlauben darf, obwohl das nicht zu meinem Beritt gehört: Auch die Wissenschaft tut gut daran, ihre Publikationen verstärkt im open access zur Verfügung zu stellen, dürfte doch inzwischen hinlänglich bekannt sein, dass dort die Verbreitung und Wahrnehmung entschieden größer ist als in den traditionellen Medien. Solchen einfachen Wahrheiten steht allerdings eine massive Stimmungsmache der veröffentlichten Meinung entgegen. Frankurter Allgemeine und Süddeutsche Zeitung übertreffen sich gegenseitig in ihrer Anti- Open Access Propaganda. Das geht hin bis zur bewussten Unwahrheit. Nur ein Beispiel: In der FAZ hat schon mehrfach gestanden , Baden-Württemberg plane einen Zwang zum Open Access. Dabei ist dort nur eine Gesetzesvorlage eingebracht worden, die zu der Open-Access- Option zwingt. Die Behauptung der FAZ entspricht derjenigen, ich würde jemanden zum Selbstmord zwingen, den ich darauf hinweise, dass er sich der unhintergehbaren Möglichkeit des Selbstmordes bewusst wird. Aber es ist ja auch klar, warum die Medien hier so poltern: Sie sind als publizistisch tätige selber vom open access betroffen und fühlen sich von ihm existentiell bedroht. Die Frage wäre nur, ob wir uns als Wissenschaftler - unabhängig von der Frage, ob diese Befürchtungen gerechtfertigt sind - vor den Karren der Zeitungen und allgemeiner der Verlage spannen lassen. Auch hierauf komme ich gleich noch einmal zurück. Zunächst vielleicht erst noch der Hinweis darauf, dass elektronisches Publizieren nicht nur eine Verpackung ist, sondern auch eine Schreibmodalität. Klaus Graf hat einmal behauptet, nur ein bloggender Wissenschaftler sei ein guter Wissenschaftler. Das ist natürlich übertrieben. Aber ich würde doch aufhören, mich über vor allem jüngere Wissenschaftler/innen lustig zu machen, die verstärkt bloggen und twittern und z.B. auch Formen des kollaborativen Schreibens im Netz erproben. Die auf diese Art erzeugte Sichtbarkeit hat immer mehr Einfluss etwa auch auf die Berufungspolitik der Universität. Kleine Parenthese: Ich hoffe inständig, dass der Schweizerische Nationalfond sich doch bitte nicht von all den Verlags-organisierten Larmoyanzbekundungen von vornehmlich Geisteswissenschaftlern verunsichern lässt und die moderne OA-Politik seines Vereins unbedingt weiterverfolgen möge. Und ich würde mir wünschen, dass doch die DFG ähnlich mutig wäre!


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Digitale Kunstgeschichte. Plädoyer für eine Normalisierung IV

1 Juli, 2014 - 11:32

Fortsetzung des Züricher Vortrages

Wie gesagt: Die Dinge hängen doch alle eng zusammen, so dass mein letzter Punkt, die

"Archive und Sammlungen" direkt an die big data anschließt. Also

Motto: Wer sich digital verdoppelt, überlebt, wer nicht, wird abgeschafft.

Die genannten Institutionen haben es - im Gegensatz zu den Bibliotheken, die vielleicht nicht zufällig Vorreiter bei der Digitalisierung sind - im wesentlichen mit Originalen zu tun, also mit etwas für meinen Geschmack zuweilen ein wenig übertrieben fetischisierten Einzigartigen. Demgegenüber eignet der Reproduktion immer etwas Defizientes, ja fast Verräterisches, obwohl 98% unseres Arbeitsalltages auf dem Umgang mit Reproduktionen beruht. Dementsprechend schwer tun sich Archive und vor allem Museen mit dem Digitalen und dem Internet. Als ich dem seit kurzem für die Warburg-Ausgabe mitzuständigen Ulrich Pfisterer einmal die vorbildliche Brief-Edition von Vincent van Gogh zeigte, war er begeistert. Es gibt nichts Großartigeres und Funktionaleres als diese Edition auf einem großen Panorama-Bildschirm zu betrachten, wahlweise mit dem gescannten Manuskript an erster Stelle, der originalsprachlichen Transkription daneben, der englischen Übersetzung und den Kunstwerken in Reproduktion, die in den jeweiligen Briefen erwähnt werden. Sein Vorschlag, so etwas auch mit Warburg zu machen, stieß bei den Mitherausgebern aber auf entschiedenen Widerspruch: Wie kann man einen der wichtigsten Vertreter der modernen Kunstgeschichtsschreibung in den Sündenpfuhl des Digitalen ziehen!? Wo doch dieser selber sich am Ende seines "Schlangerituals" von den Untiefen des Elektrizitätszeitalters distanziert hatte (letzteres phantasiere ich allerdings hinzu, aber ich kenne meine Kollegen). Ich muss es so polemisch ausdrücken, weil an sachlicher Begründung ansonsten normalerweise nichts kommt, zumal man ganz selbstverständlich aus der online-Edition auch ein völlig gängiges Buch generieren kann. Ähnliche Reaktionen, die meist immer noch auf das Wohlwollen einer pseudoinformierten Fachöffentlichkeit stoßen, schallen auch immer wieder aus den Museen (zuletzt allerdings weniger), wobei die Begründungen meistens auch hier nur aus Ressentiments bestehen. Die Leute sollen gefälligst ins Museum kommen, daran würden sie gehindert, wenn sie die Abbildungen schon im Internet sehen, heißt es da immer noch häufig. Oder: Wenn alles im Internet ist, können wir die Reproduktionen ja nicht mehr verkaufen. Ersteres ist wohl schlicht Quatsch. Andersherum wird ein Schuh daraus. Erst wenn die Öffentlichkeit von der Existenz eines Werkes weiß, wird sie auch kommen, um es am Originalort aufzusuchen. Und dafür kann das Internet sorgen. Und letzteres kann allenfalls aufgrund der erwähnten Vorspiegelung falscher Tatsachen funktionieren. Würden die Museen nur das berechnen, was sie der reine photographische Aufnahmevorgang kostet, dann bliebe ja nichts an Gewinn übrig, sondern nur noch der Verlust, der durch die Verwaltung entsteht.

Zugegeben, die angelsächsischen Museen und auch die holländischen sind hier viel weiter. Wahrscheinlich hat das auch mit einem dort geläufigen Pragmatismus, eventuell auch mit einer weniger tief verankerten gelehrig-gelehrten Bildungsbeflissenheit zu tun. Ich wünsche mir auf jeden Fall, dass wir aus diesen Beispielen lernen und uns ganz allgemein klar machen, dass Modernisierung vor allem eines ist: Sie ist da, und niemand wird sich ihr ungestraft entziehen können.

 

 

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