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Blick in die Stuttgarter Ausstellung – Teil 2: Was gibt’s Neues?

11 Juni, 2015 - 16:47

Bissige Satire – besonders jene mit politischem Anspruch – muss sitzen. Schnell, originell und treffend soll sie die Tagespolitik kommentieren. Wenn in täglich erscheinenden Zeitungen Cartoons die Frühstückslektüre aufheitern, sind wir zugleich tendenziös informiert. Ein erneuter Blick in die Stuttgarter Ausstellung fördert Karikaturen zu Tage, die sich mit den Folgen der Einschränkung der Meinungsfreiheit auseinandersetzten und dabei aktuelle Bezüge herzustellen vermochten. Wie Kurator PD Dr. Hans-Martin Kaulbach in seiner Einführung hervorhob, liegt die besondere Qualität aktueller Darstellungen darin, dass sie über das Ereignis hinaus ihre Aussagekraft behaupten können – und damit auch für uns heute noch verständlich bleiben. Denn Aktualität und spätere Rezeption schließen einander oft genug aus: Dargestellte Personen sind nach gewisser Zeit nicht mehr zu identifizieren oder die in den Karikaturen angesprochenen Ereignisse haben keine historische Aufarbeitung erfahren, weil ihre Bedeutung von extrem kurzer Dauer war. Karikaturisten wird oft nachgesagt, sie seien die wahren Analysten der Gegenwart. Sie spürten auf, was Politik und Gesellschaft gerade bewegt und stellten dies in ihren spitzfindigen Zeichnungen vor. Dabei stehen sie in der Tradition der gedruckten bunten Bilderbögen, die dem einst leseunkundigen Volk anschaulich vermitteln sollten, was vorgefallen war. Die großformatigen, meist arbeitsteilig aus später kolorierten Holzschnitten entstandenen Bilderbögen, stellten recht unreflektiert eine vermeintlich objektive Wiedergabe von Ereignissen vor. Das geschah bewusst unter Verzicht auf künstlerische Ansprüche. Es ging alleine um die bildhafte Vermittlung von Nachrichten. Dagegen brachten die spitzen Federn oder Lithokreiden der Karikaturisten Missstände subtil auf den Punkt.

  • Alexandre-Gabriel Decamps (1803-1860), Die Freiheit am Pranger, in: La Caricature, Nr. 13, 27.1.1831, Platte 26 (© Universitätsbibliothek Heidelberg)

Infolge der am 7. August 1830 erfolgten Thronbesteigung Louis-Philippes waren nicht nur die an die Julirevolution geknüpften Hoffnungen begraben worden – auch die Freiheit litt, wie eine im Januar 1831 in der Zeitschrift „La Caricature“ publizierte Karikatur von Alexandre-Gabriel Decamps (1803-1860) dies zeigt. Den aktuellen politischen Bezug paarte Decamps mit (kunst)historischen Bezügen. So erinnert die Situation am Pranger an die „Ecce Homo“-Darstellungen aus der christlichen Ikonografie. Bei allem Detailreichtum, den die Lithografie zu bieten hat, insbesondere mit ausführlichem Hinweis auf die gefangen gehaltene Françoise Liberté, ist nicht auszuschließen, dass auch sämtliche Herren, die sich in ihrer unmittelbaren Umgebung aufhalten, für damalige Rezipienten identifizierbar waren. Diese Zuschreibungen sind heute nur noch auf Basis von Vermutungen möglich. 

  • Honoré Daumier (1808-1879), Ein Muttermörder, Le Charivari, 16.4.1850 (© Universitätsbibliothek Heidelberg)

Anders verhält es sich mit dem Blatt, das im April 1850 in der Zeitschrift „Le Charivari“ erschien. Honoré Daumier (1808-1879) stellt an der Haartolle deutlich erkennbar den ehemaligen Verleger und Journalisten Adolphe Thiers (1797-1877) dar. Der einst glühende Verehrer Napoleon Bonapartes hatte 1830 Louis-Philippe auf den Thron geholfen und sich nach der Februarrevolution 1848 auf die konservative Seite geschlagen. Er verschaffte somit der katholischen Kirche den Zugang zum Bildungswesen, das zuvor im Staatsauftrag gelegen hatte. Zudem bereitete er ein Gesetz vor, das im Juli 1850 neue Zensurbestimmungen einführen sollte – Daumier spielt darauf mit dem dicken Holzknüppel an. Hohe Stempelsteuern, Kautionen und eine Vorzensur schränkten erneut die freie Meinungsäußerung ein. Daumier schuf in dieser Karikatur ein hochbrisantes Blatt, das nicht nur den Protagonisten Thiers erkennen lässt. Er greift sogar dem Ereignis vor, das wenige Wochen später weitere Karikaturen ähnlichen Inhalts verhindern sollte. Die Lichtgestalt der Presse, repräsentiert durch eine allegorische Erscheinung, geht derweil noch beflissen ihrer Tätigkeit nach. Doch die finstere Gewalt in Gestalt des Verräters der eigenen Zunft nähert sich ihr auf leisen Sohlen. Geholfen hat die Karikatur nicht wirklich. Es kam, wie vorgesehen zur strikten Vorzensur, ein wesentlicher Wegbereiter für den nächsten Streich – den Staatsstreich des dritten Napoleons am 2. Dezember 1851. „Actualités“ – eine Rubrik, unter der in der Zeitschrift „Le Charivari“ zahlreiche Karikaturen erschienen – sind und waren eine zweischneidige Angelegenheit. Einerseits verlang(t)en sie eine rasche Reaktion auf Tagesereignisse, deren spontane Umsetzung in eine griffige und bissige Bildsprache, die über die Aktualität hinaus lesbar bleibt. Andererseits waren diese Äußerungen immer auch von der Zensur bedroht und konnten schnell vom reißerischen Tiger zum schnurrenden Hauskätzchen werden. Mit welchen Mitteln es den französischen Karikaturisten dennoch gelang, zumindest Krallen zu zeigen, wird hier demnächst stehen. À bientôt!

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academia.edu und artdok

11 Juni, 2015 - 07:52
Wissenschaftliche Veröffentlichungen im Internet

Gestern hatten wir in unserem institutsinternen Arbeitskreis "Digitale Kunstgeschichte" eine Diskussion über die Vorteile von academia.edu auf der einen, artdok auf der anderen Seite, also ein im Rahmen von arthistoricum von der UB Heidelberg entwickeltes Angebot. Zur Erinnerung: Das sind im open access greifbare wissenschaftliche Texte (meistens Aufsätze), die entweder auf dem "goldenen" Weg (also originär) dort erscheinen, oder - bislang in der weit überwiegenden Mehrheit - auf dem "grünen" Weg, also sekundär nach traditioneller Veröffentlichung im Druck etwa in einer Zeitschrift. Einig waren wir uns, dass die dort jeweils gespeicherten wissenschaftlichen Texte den Austausch erheblich befördern. academia.edu hat allerdings verschiedene Vorteile: es ist interdisziplinäres soziales Netzwerk, weil nicht auf die Kunstgeschichte beschränkt, es ist eine Art facebook für Wissenschaftler, weil man sich dort unter frei gewählten Stichworten über Neuerscheinunggen automatisch informieren lassen kann. Und es ist global, nimmt also überall auf der Welt erschienene Texte auf. Aber es ist auch kommerziell, und wie es mit der Nutzbarkeit weitergeht, steht in den Sternen. Und wie viel man von den Rechten abgibt, nachdem man dort einen Text hochgeladen hat, ist gerade Thema einer intensiven Diskussion auf der mailing Liste der amerikanischen CAA. Einmal abgesehen davon, dass die meisten Texte dort wohl nicht legal abgelegt werden, weil ohne die Erlaubnis des Ursprungsverlages bzw. ohne entsprechende vertragliche Grundlage ... Mein Plädoyer ist vielleicht utopisch und naiv: Wir müssen das Geschäft in die öffentliche Hand bekommen, um die beschriebenen Gefahren zu vermeiden. Aber dafür muss das öffentliche Angebot auch professionalisiert werden. Also: Anzustreben ist mittelfristig erstens ein Zusammenschluss mit anderen Dokumentenservern zur Sicherung der Interdisziplinarität; zweitens müssen die sozialen Netzwerkfunktionen von artdok aufgebaut werden, also die Möglichkeit, über neu hochgeladene Texte zu bestimmten Themen automatisch informiert zu werden; und drittens müssen Internationalisierungsbestrebungen einsetzen. Das ist eine dreifache Herkulesaufgabe (mit eventuell in der Reihenfolge steigendem Aufwand). Aber sonst verliert das Öffentliche gegenüber dem Privaten noch mehr an Potential, als das schon jetzt der Fall ist. Und in Parenthese: Wir sollten, wenn wir schon nicht Open Access veröffentlichen, den veröffentlichenden Verlagen wenigstens nicht das ausschließliche Nutzungsrecht überlassen, damit wir später legal auf einem der genannten Server neu veröffentlichen können. Ich bin gespannt, wie die Meinung hierzu ist.

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Blick in eine Ausstellung: „Karikatur – Presse – Freiheit“ in der Staatsgalerie Stuttgart (bis 20. September 2015)

2 Juni, 2015 - 09:19
  • Honoré Daumier (1808-1879), Aha! Du möchtest dich mit der Presse anlegen!, La Caricature Nr. 152, 3.10.1833, Platte 319 (© Universitätsbibliothek Heidelberg)

Dass eine spontane Entscheidung aus gegebenem Anlass kein Schnellschuss sein muss, beweist die oben erwähnte und im Gastbeitrag von PD Dr. Hans-Martin Kaulbach beschriebene Ausstellung, die am vergangenen Sonntag eröffnet wurde. Aus dem umfangreichen Bestand der Staatsgalerie wählten die Kuratoren mit Bedacht jene Karikaturen, die sich mit der französischen Situation rund um die Einschränkung der Meinungsfreiheit der Jahre 1830 bis 1870 befassen. Innerhalb dieses Zeitraums von 40 Jahren durchlitt Frankreich mehrere Umbruchphasen mit immer absurder scheinenden Pressegesetzen. Allen Bemühungen des Staates zum Trotz, die Oberhoheit über die Verbreitung von Wort und Bild zu halten, erlebte die Karikatur eine Zeit der Blüte – eine Herausforderung an jene Künstler, die sich der Zensur stellten, damit erfolgreich waren, wenn es auch bedeuteten konnte, dafür vor Gericht zu stehen oder gar im Gefängnis einzusitzen.

Erstaunlich offen und sehr direkt thematisierten Karikaturisten der frühen 1830er Jahre das Dilemma der Zensur mit selbstreflexiven Darstellungen. Sie entwickelten hierfür einfache Symbole, für jeden verständlich – auch für den Zensor, dem allerdings die Hände gebunden waren. Es gab zwar strikte Anweisungen hinsichtlich politischer Äußerungen, doch nicht, wie mit der Medienreflexion umzugehen sei. Das Medium Zeitschrift („Presse“) übte nun als Gegenstand („Presse“) genau jenen Druck aus, den es selbst erfuhr. Eine sehr frühe und noch detailliert ausgearbeitete Lithografie Honoré Daumiers thematisiert diesen Druck, von dem auch die Zeitschrift „La Caricature“ nicht verschont blieb. Der junge Drucker, der den Tiegel der Maschine betätigt, nimmt König Louis-Philippe persönlich in die Mangel. Seinen obligatorischen Schirm hat er verloren, sein Zylinder samt Kokarde droht im nächsten Augenblick zerquetscht zu werden. Einem so radikal-liberalen Blatt wie der Zeitung „Le National“ – die Kopfbedeckung des Arbeiters ist so bezeichnet – schwebte eine konstitutionelle Monarchie vor, die der Bürgerkönig nicht ausfüllte. So wandte sie sich gegen die strenger gewordenen Zensurbestimmungen, denen zu folge immer höhere Stempelsteuern an den Staat zu entrichten waren. Derweil sollte das Motiv der Presse in die Ikonografie der Karikatur eingehen und den Druck auf das Printgewerbe veranschaulichen.

  • J. J. Grandville (1803-1847) / E. Forest (1808-1891), Wiederauferstehung der Zensur, La Caricature Nr. 62, 5.1.1831, Platte 125 (©Universitätsbibliothek Heidelberg)

Eine weitere scharfe Waffe der Zensur war die Schere. Sie symbolisierte den Einschnitt in die Freiheit. Mit ihrer Hilfe entstanden Lücken innerhalb der Vielfalt an Informationen. Durch den schnellen Schnitt waren Inhalte entfernt und Informationen nur noch fragmentarisch vorhanden. Zensoren als Schnitter versinnbildlichten den journalistischen Tod – damals wie heute. In der Ausstellung zeigt eine Anfang Januar 1831 gemeinschaftlich von Grandville und Forest geschaffene Lithografie aus der Zeitschrift „La Caricature“ die „Wiederauferstehung der Zensur“ nach der Julirevolution (1830). Wenn nach dem in der Unterzeile zitierten Lukas Evangelium der Heiland zu erwarten ist, der am dritten Tag nach seinem Tod das Grab verlassen hat, so tritt in dieser Karikatur Comte d’Argout (1782-1858), seinerzeit Minister für Handel, Öffentlichkeitsarbeit, Schöne Künste sowie für die Zensurbehörde an dessen Stelle. Noch schlummern die Wache schiebenden Schreiberlinge, gekennzeichnet durch die übergroßen Federn und scheinen die neue Gefahr nicht zu erkennen. Der „Constituionnel“ hat es sich auf dem Ohrensessel besonders bequem gemacht, angetan mit der Schlafmütze und gut gefüllten Geldsäcken. Ihn plagen keine Existenzängste, wie auch „La France“ zwar unbequem am Boden kauert, doch hat der tief Schlafende den Beutel fest im Griff. Die republikanisch ausgerichtete Zeitung „La Tribune“ ist dagegen erwacht und im Begriff, den mit langen Krallen versehenen Fuß des Zensors zu greifen. In hellwacher Aufregung dagegen befindet sich ein Vertreter der Presse hinter dem geöffneten Sargdeckel. Da hier die Zuordnung fehlt, können wir davon ausgehen, dass die Zeitschrift „La Caricature“ sich selbst darstellte. Derweil schwebt der Comte mit der überdimensional großen Schere gen Himmel empor – auch hier ein Motiv das in Karikaturen ikonografisch verarbeitet wurde. Entzückt, entrückt schmiegt er sich an das Werkzeug, das in dieser leicht geöffneten Stellung an das Andreas-Kreuz erinnert. Der Comte gerät zum Märtyrer über die – verordnete und von ihm zensierte – Wahrheit, allerdings in teuflischer Gestalt, bleibt doch der zweite Fuß im Leichentuch verborgen. Es ist zu vermuten, dass dieser bocksbeinig zu Tage treten wird. So gerät diese frühe Karikatur, die den Auftakt zur Ausstellung wie auch zu einer weiteren Folge von Beiträgen bildet, zu einem Warnruf an die Wachsamkeit der Presse. Es sollte noch schlimmer kommen, doch darüber später mehr.

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"Karikatur – Presse – Freiheit. Honoré Daumier und die französische Bildsatire"

29 Mai, 2015 - 14:39
Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung, 31.5.-20.9.2015

Ein Gastbeitrag vom Ausstellungskurator PD Dr. Hans-Martin Kaulbach für das Themenportal Caricature .

  • Honoré Daumier (1808-1879), Ils voudraient éteindre jusqu'au Soleil (Wenn sie könnten, würden sie auch noch die Sonne auslöschen). Le Charivari, 15.8.1851 (© Staatsgalerie Stuttgart)

Die Entscheidung für diese Ausstellung fiel spontan nach den Morden an der Redaktion der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 in Paris. Möglich ist sie, weil die Graphische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart über bedeutende Bestände französischer Karikaturen des 19. Jahrhunderts verfügt: die satirische Wochenzeitschrift „La Caricature“ (1830-1835) in 10 Bänden mit allen 251 Lithographien, Blätter der »L´Association mensuelle pour la liberté de la presse«, einige Bände der satirischen Tageszeitung „Le Charivari“ (ab 1832), und daraus zahlreiche Karikaturen von Cham (1819-1879), Paul Gavarni (1804-1866) und anderen Zeichnern. Honoré Daumier (1808-1879) ist mit 1.300 (von 4.000) Lithographien in der Sammlung präsent, darunter der seltene „Gargantua“ von 1831 – der ihm eine Gefängnisstrafe einbrachte. Auch Charles Philipon (1800-1861), Gründer und Herausgeber dieser Zeitungen, wurde mehrfach verurteilt.

Hauptthemen der Ausstellung sind Zensur, Unterdrückung der Freiheit und die Selbstdarstellung der satirischen Presse. Ein Akzent liegt dabei auf der „Bildsprache“ und ihren Motiven. Traditionellen allegorischen Figuren wie der „Liberté“ steht etwa der von Daumier entwickelte „Ratapoil“ als Personifikation der bonapartistischen Schlägertruppen gegenüber. Physiognomische Karikaturen der herrschenden Politiker sind ergänzt mit satirisch „verkehrten“ Wappen. Sich selbst verkörperte „La Caricature“ in der Figur des Narren in seinem Schellenkleid. Die Satire bediente sich ausgiebig ihrer Lizenz, Realitätsebenen zu mischen, und arbeitete vielfach mit der Lichtmetaphorik. Dabei prägte sie Symbole aus: die Schere für Zensur oder das Löschhütchen für die Bestrebungen, das Licht der Meinungsfreiheit zu ersticken – und die berühmte „Birne“ für den „Bürgerkönig“ Louis-Philippe (1773-1850). Zu den satirischen Techniken gehörte auch die Nutzung bekannter Bildmuster.

  • J. J. Grandville (1803-1847) / Eugène-Hippolyte Forest (1808–1891), Résurrection de la Censure (Wiederauferstehung der Zensur). La Caricature Nr. 62, 5.1.1831, Platte 125 (© Staatsgalerie Stuttgart)

Politische Karikaturen konnten nur erscheinen, solange die Pressefreiheit nicht völlig abgeschafft war: während der „Julimonarchie“ von 1830 bis zu den „Septembergesetzen“ 1835; während der 2. Republik von der Revolution 1848 bis zum Staatsstreich 1851; während der letzten Jahre des 2. Kaiserreichs 1869-1870 und ab 1871 in der 3. Republik (vgl. hierzu den Blog von Barbara Wagner, 28.04.2015) . Doch selbst in diesen Phasen versuchten Regierung und Staatsanwälte, die satirischen Zeitungen auf anderen Wegen mundtot zu machen: finanziell mit hohen Kautionen, Stempelsteuern und Geldstrafen; materiell durch Beschlagnahmungen, und persönlich durch Klagen und Haftstrafen.

In den Zeiten dazwischen, als politische Karikatur unmöglich war, erschienen im „Charivari“ gesellschaftskritische Serien wie die „Kleinbürger“, die „Ehesitten“, „Mieter und Vermieter“, und andere Themen aus dem bürgerlichen Alltag, aus denen Beispiele ausgestellt sind. (Hier ist Alexander Roob zu widersprechen. Mit seiner Wertung: „ein zahnloser Zeichner wie Daumier“, dessen Crayon-Manier „sich mit dem Verbot politischer Karikatur in Frankreich 1835 in den Dienst einer verspießten Sittenschilderung begab“, verkennt Roob die spezifische Leistung der Alltagskarikatur.) [ blog.arthistoricum.net: Alexander Roob, 27.03.2015, 16:30 Uhr ]

Die Ausstellung versteht sich als Hommage an die große französische Tradition von Karikatur und Bildsatire - und zugleich als Angebot einer historischen Grundlage für die aktuelle Diskussion über Meinungsfreiheit und ihre „Grenzen“. Perspektiven dazu soll das Begleitprogramm bieten [ www.staatsgalerie.de/ausstellung/ ].

PD Dr. Hans-Martin Kaulbach
Konservator für deutsche und niederländische Graphik bis 1800
Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung
Urbanstr. 35
70182 Stuttgart


Copyrightnachweis alle: Staatsgalerie Stuttgart

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Modern Academic Publishing

27 Mai, 2015 - 10:59
Ein neues Open-Access-Projekt

In einer Gemeinschaftsunternehmung der Universitäten Köln und München realisieren wir ein Projekt zur Open Access -Publikation von geisteswissenschaftlichen Monographien, genau genommen von Dissertationen. ( MAP: Modern Academic Publishing ) Dabei geht es um die Förderung herausragenden wissenschaftlichen Nachwuchses ("exzellent" nennt man das heute) und um den Nachweis, dass Open Access nicht nur etwas für Aufsätze ist, sondern auch für ganze Bücher. Angesichts der immer noch verbreiteten (und ja auch nicht an den Haaren herbeigezogenen) Auffassung, dass längere Texte am Bildschirm schlecht zu lesen sind, haben wir von vorneherein eine Druckkomponente mit eingebaut ("Hybridveröffentlichung"), so dass das Produkt jeweils auch als ganz normales Buch gelesen werden kann.Das Ganze läuft in Zusammenarbeit mit einem englischen Dienstleister, der in London beheimateten ubiquity press

Das Image von Open Access ist in den Geisteswissenschaften weiterhin bescheiden. Es geht nach dem Motto: Die Guten ins Töpchen (also als Buch veröffentlichen) und die Schlechten ins Kröpfchen (also ab ins Internet). Anstatt sich darüber aufzuregen, sind wir jetzt zu dem Schluss gekommen, dass es am besten ist, sich den Reputationsmechanismen anzuschließen und das Internet eben mit guten Sachen zu bedienen. Daher nehmen wir nur besonders gute Dissertationen zur Veröffentlichung an, in der Hoffnung, die vorhandenen Klischees durchbrechen zu können.

Die erste Arbeit ist inzwischen erschienen . Was man schon einmal sagen kann: Es ist eine Menge Arbeit, und es ist auch nicht billig. Für die Arbeit haben wir (vorübergehend) Mitarbeiter, für die Kosten die großzügige Unterstützung unserer Universitäten, in denen man inzwischen einsieht, dass sich am traditionellen wissenschaftlichen Veröffentlichungswesen etwas ändern muss. Beides ist aber nicht auf Dauer gesichert, so dass wir uns noch sehr intensive Gedanken um ein zukünftiges Geschäftsmodell machen müssen.

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