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Digitale Kunstgeschichte. Plädoyer für eine Normalisierung II

2 Juli, 2014 - 08:09

Fortsetzung von dem Züricher Vortrag

Zum Punkt "Digitalisierung und Recht"

Motto: Wenn ich vier Juristen frage, bekomme ich fünf unterschiedliche Antworten. Also lasse ich das Fragen und agiere einfach.

Würde man den Zeitaufwand berechnen, der mit den Versuchen zur Beantwortung der Frage eingesetzt wird, was ich für Erlaubnisse einholen muss, um ein bestimmtes Bild in meiner Veröffentlichung zu reproduzieren, man käme in der Summe wohl auf Jahrtausende. Leider gelte ich ja unberechtigterweise als Kenner in dem Feld und werde permanent gefragt. Dahinter steckt System. Die im weiteren Sinne urheberrechtlichen Fragen sind vor allem im internationalen Maßstab weithin so ungeklärt, dass eine definitive Antwort darauf meist gar nicht möglich ist. Ich habe zuweilen den Eindruck, dass die Verwerterindustrie über diese Sachlage gar nicht so unglücklich ist, führt sie doch dazu, dass man erstens freiwillig irgendwelche Gebühren bezahlt, obwohl diese gar nicht gerechtfertigt sind, oder dass man aus Furcht vor den Konsequenzen eine Abbildung erst gar nicht bringt, insbesondere eben im Internet. Wenn ich mir ansehe, wie insbesondere Museen immer wieder so tun, als besäßen sie irgendwelche Bildrechte an den in ihren Häusern aufbewahrten Werken, dann stehen mir die Haare zu Berge. Ich will jetzt hier gar nicht in die Einzelheiten einsteigen, zumal sie mir weithin ebenfalls einigermaßen undurchschaubar sind. Aber ich möchte doch an das statement eines der besten Kenner der Materie erinnern: Reto Hilty, Direktor des Max Planck-Institutes für Immaterialgüterrecht hat bei einer Diskussionsveranstaltung zum Thema vor zwei Jahren in München einmal ziemlich offen dazu aufgefordert, wir sollten doch als relativ geschützte Angehörige des öffentlichen Dienstes zivilen Ungehorsam praktizieren, anstatt aus Furcht vor den Konsequenzen immer gleich zurückzuweichen. Das muss man sich mal vorstellen: Da ist jemand offenbar so genervt, dass er so etwas an offizieller Stelle einklagt! Andererseits  gibt es auch ermutigende Entwicklungen: Das Rijksmuseum in Amsterdam stellt seine gesamte Sammlung (insgesamt 1 Millionen Bilder) frei zur Verfügung. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz versieht ihre Werke mit einer Creative Commons Lizenz und stellt sie auf "non commercial". Eine Praxis, die in letztem Punkt von den Kennern der Materie zwar in Zweifel gezogen wird, die aber immerhin die Propagandisten der VG Bild Lügen straft, öffentliche Kulturinstitutionen würden somit nur den Gewinninteressen der Verwerterindustrie in die Hände spielen, welche dann mit dem frei zur Verfügung gestellten Material ihren Reibach mache. Die hier an zwei Beispielen benannte Liberalisierung könnte übrigens auch mit der einfachen Tatsache zu tun haben, dass die Museen entdeckt haben, dass die Verwaltung der Einnahmen, die über den Reproduktionsverkauf zu erwarten sind, mehr kostet, als diese Einnahmen selber bringen. In erster Linie aber genügt sie der Einsicht, dass nur eine offensive Verbreitung der eigenen Schätze auch im Internet die Bekanntheit und das Image der jeweiligen Institution langfristig sichert. Darauf komme ich gleich noch einmal zurück.

 

Und wenn ich mir hier wie angekündigt auch noch einen kleinen Schlenker zum open access erlauben darf, obwohl das nicht zu meinem Beritt gehört: Auch die Wissenschaft tut gut daran, ihre Publikationen verstärkt im open access zur Verfügung zu stellen, dürfte doch inzwischen hinlänglich bekannt sein, dass dort die Verbreitung und Wahrnehmung entschieden größer ist als in den traditionellen Medien. Solchen einfachen Wahrheiten steht allerdings eine massive Stimmungsmache der veröffentlichten Meinung entgegen. Frankurter Allgemeine und Süddeutsche Zeitung übertreffen sich gegenseitig in ihrer Anti- Open Access Propaganda. Das geht hin bis zur bewussten Unwahrheit. Nur ein Beispiel: In der FAZ hat schon mehrfach gestanden , Baden-Württemberg plane einen Zwang zum Open Access. Dabei ist dort nur eine Gesetzesvorlage eingebracht worden, die zu der Open-Access- Option zwingt. Die Behauptung der FAZ entspricht derjenigen, ich würde jemanden zum Selbstmord zwingen, den ich darauf hinweise, dass er sich der unhintergehbaren Möglichkeit des Selbstmordes bewusst wird. Aber es ist ja auch klar, warum die Medien hier so poltern: Sie sind als publizistisch tätige selber vom open access betroffen und fühlen sich von ihm existentiell bedroht. Die Frage wäre nur, ob wir uns als Wissenschaftler - unabhängig von der Frage, ob diese Befürchtungen gerechtfertigt sind - vor den Karren der Zeitungen und allgemeiner der Verlage spannen lassen. Auch hierauf komme ich gleich noch einmal zurück. Zunächst vielleicht erst noch der Hinweis darauf, dass elektronisches Publizieren nicht nur eine Verpackung ist, sondern auch eine Schreibmodalität. Klaus Graf hat einmal behauptet, nur ein bloggender Wissenschaftler sei ein guter Wissenschaftler. Das ist natürlich übertrieben. Aber ich würde doch aufhören, mich über vor allem jüngere Wissenschaftler/innen lustig zu machen, die verstärkt bloggen und twittern und z.B. auch Formen des kollaborativen Schreibens im Netz erproben. Die auf diese Art erzeugte Sichtbarkeit hat immer mehr Einfluss etwa auch auf die Berufungspolitik der Universität. Kleine Parenthese: Ich hoffe inständig, dass der Schweizerische Nationalfond sich doch bitte nicht von all den Verlags-organisierten Larmoyanzbekundungen von vornehmlich Geisteswissenschaftlern verunsichern lässt und die moderne OA-Politik seines Vereins unbedingt weiterverfolgen möge. Und ich würde mir wünschen, dass doch die DFG ähnlich mutig wäre!


Fortsetzung hier

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Digitale Kunstgeschichte. Plädoyer für eine Normalisierung IV

1 Juli, 2014 - 11:32

Fortsetzung des Züricher Vortrages

Wie gesagt: Die Dinge hängen doch alle eng zusammen, so dass mein letzter Punkt, die

"Archive und Sammlungen" direkt an die big data anschließt. Also

Motto: Wer sich digital verdoppelt, überlebt, wer nicht, wird abgeschafft.

Die genannten Institutionen haben es - im Gegensatz zu den Bibliotheken, die vielleicht nicht zufällig Vorreiter bei der Digitalisierung sind - im wesentlichen mit Originalen zu tun, also mit etwas für meinen Geschmack zuweilen ein wenig übertrieben fetischisierten Einzigartigen. Demgegenüber eignet der Reproduktion immer etwas Defizientes, ja fast Verräterisches, obwohl 98% unseres Arbeitsalltages auf dem Umgang mit Reproduktionen beruht. Dementsprechend schwer tun sich Archive und vor allem Museen mit dem Digitalen und dem Internet. Als ich dem seit kurzem für die Warburg-Ausgabe mitzuständigen Ulrich Pfisterer einmal die vorbildliche Brief-Edition von Vincent van Gogh zeigte, war er begeistert. Es gibt nichts Großartigeres und Funktionaleres als diese Edition auf einem großen Panorama-Bildschirm zu betrachten, wahlweise mit dem gescannten Manuskript an erster Stelle, der originalsprachlichen Transkription daneben, der englischen Übersetzung und den Kunstwerken in Reproduktion, die in den jeweiligen Briefen erwähnt werden. Sein Vorschlag, so etwas auch mit Warburg zu machen, stieß bei den Mitherausgebern aber auf entschiedenen Widerspruch: Wie kann man einen der wichtigsten Vertreter der modernen Kunstgeschichtsschreibung in den Sündenpfuhl des Digitalen ziehen!? Wo doch dieser selber sich am Ende seines "Schlangerituals" von den Untiefen des Elektrizitätszeitalters distanziert hatte (letzteres phantasiere ich allerdings hinzu, aber ich kenne meine Kollegen). Ich muss es so polemisch ausdrücken, weil an sachlicher Begründung ansonsten normalerweise nichts kommt, zumal man ganz selbstverständlich aus der online-Edition auch ein völlig gängiges Buch generieren kann. Ähnliche Reaktionen, die meist immer noch auf das Wohlwollen einer pseudoinformierten Fachöffentlichkeit stoßen, schallen auch immer wieder aus den Museen (zuletzt allerdings weniger), wobei die Begründungen meistens auch hier nur aus Ressentiments bestehen. Die Leute sollen gefälligst ins Museum kommen, daran würden sie gehindert, wenn sie die Abbildungen schon im Internet sehen, heißt es da immer noch häufig. Oder: Wenn alles im Internet ist, können wir die Reproduktionen ja nicht mehr verkaufen. Ersteres ist wohl schlicht Quatsch. Andersherum wird ein Schuh daraus. Erst wenn die Öffentlichkeit von der Existenz eines Werkes weiß, wird sie auch kommen, um es am Originalort aufzusuchen. Und dafür kann das Internet sorgen. Und letzteres kann allenfalls aufgrund der erwähnten Vorspiegelung falscher Tatsachen funktionieren. Würden die Museen nur das berechnen, was sie der reine photographische Aufnahmevorgang kostet, dann bliebe ja nichts an Gewinn übrig, sondern nur noch der Verlust, der durch die Verwaltung entsteht.

Zugegeben, die angelsächsischen Museen und auch die holländischen sind hier viel weiter. Wahrscheinlich hat das auch mit einem dort geläufigen Pragmatismus, eventuell auch mit einer weniger tief verankerten gelehrig-gelehrten Bildungsbeflissenheit zu tun. Ich wünsche mir auf jeden Fall, dass wir aus diesen Beispielen lernen und uns ganz allgemein klar machen, dass Modernisierung vor allem eines ist: Sie ist da, und niemand wird sich ihr ungestraft entziehen können.

 

 

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Digitale Kunstgeschichte. Plädoyer für eine Normalisierung

30 Juni, 2014 - 17:37
Vortrag in Zürich I

Letzte Woche hat in Zürich eine Konferenz zum Thema "Digital Art History" stattgefunden. Super Stimmung, tolle Organisation. Vor allem hat mir gefallen, dass diese meist etwas langweilige Reihung von Einzelvorträgen vermieden wurde zugunsten eines workshop-Charakters, bei dem die Verteilung auf Produktion und Rezeption von vorneherein aufgebrochen schien. Am Schluss hat das gesamte Plenum sich an der Formulierung eines Manifestes beteiligt, das demnächst veröffentlicht wird. Das nenne ich kooperatives Arbeiten!

 

 

Ganz unbescheiden erlaube ich mir, meinen Beitrag hier zu reproduzieren. Da das weblog ja kurz und knapp strukturiert sein soll, teile ich das Ganze in vier Teile auf. Mal sehen, ob das Sinn macht. Also:

 

Mir wurde die Aufgabe zuteil, über die folgenden vier Bereiche einführend zu reden, die dann im weiteren Verlauf des Tages Gegenstand spezifischerer Reflexionen sein werden:

Nachhaltigkeit und Finanzierung

Digitalisierung und Recht

Big data

Archive und Sammlungen

Wenn ich richtig verstanden habe, sollen bei mir grundsätzlichere Überlegungen im Vordergrund stehen, weniger konkrete technische Realisierungsformen o.Ä. Ich muss gleich darauf aufmerksam machen, dass ich auch noch einmal auf open access zurückkomme, obwohl das gestern schon Thema war. Die Dinge hängen eben doch alle sehr zusammen. Und ich muss mich auch dafür entschuldigen, dass der Tonfall manchmal vielleicht etwas Burleskes, wenn nicht Polemisches hat. Ich finde, man muss die Dinge beim Namen nennen.

 

Zum Punkt Nachhaltigkeit und Finanzierung

Motto: Wir müssen unsere digitalen Projekte mögen.

Digitale Projekte sind eigentlich nie "fertig". Selbst dort, wo ein tool entwickelt wird, verliert dieses in der Regel seinen Reiz, wenn es nicht dem rasend schnellen Fortschritt in diesem Bereich angepasst wird. Insofern stellt sich das Problem der Finanzierung und der Nachhaltigkeit hier viel stärker als bei "normalen" Forschungsprojekten, die in sich geschlossen sind - obwohl es die ja eigentlich auch nicht gibt. Die Forschungsförderer fragen daher auch sehr deutlich nach den Verstetigungsvorstellungen, die sich wir Antragsteller so machen. Wenn wir ehrlich sind, nehmen wir solche Fragen meistens nicht sehr ernst und versprechen Dinge, die wir gar nicht halten können. Und die Förderer vergeben das Geld, obwohl sie genau wissen, dass bei den Verstetigungsvorschlägen vieles geschönt wird, denn sonst könnten sie ihre Mittel gar nicht loswerden. Mir sind auch Leute bekannt, die die Versprechungen gar nicht einhalten wollen, weil sie die Projekte im Bereich Digitales eigentlich sowieso nicht sonderlich interessieren (wenn sie sie nicht sogar klammheimlich ablehnen), darin aber eine gute Möglichkeit sehen, ihre Drittmittelbilanz aufzubessern. Immer nur nach Finanzierungen rufen, wenn sich die Laufzeit dem Ende nähert, scheint mir nicht der richtige Weg, da die Mittel nun mal nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. Besser wäre es wohl, die Projekte so anzulegen, dass sie in die vorhandenen Strukturen eingebaut werden können. Dafür werden wir an vielen Stellen umdenken müssen. Zum Beispiel sollten wir nicht immer nur das Neue planen, sondern auch das Alte einstampfen können. Das ist natürlich verdammt schwierig, aber der Computer hat an vielen Stellen alte Tätigkeiten überflüssig gemacht, das wird in der Kunstgeschichte auch nicht anders sein. Wir haben es bei den "sehepunkten" - allerdings mit großen Aufwand - hinbekommen, dass die Redakteurstätigkeiten jetzt fest in der Dienstbeschreibung eines wissenschaftlichen Assistenten verankert und damit hoffentlich dauerhaft gesichert sind. Besonders überlegenswert erscheint mir so etwas im Fall von übergeordneten Institutionen wie dem hiesigen oder dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. Dort ist etwa die Redaktion des zurecht ausgesprochen erfolgreichen RIHA-Journals beheimatet, die momentan projektbasiert läuft. Auch am ZI wird man sehen müssen, dass die Redaktionstätigkeit in naher Zukunft vom festen Staff übernommen wird, sonst wird die "Zeitschrift" genauso untergehen wie so viele andere Unternehmungen in dem Feld auch. Aber ich sehe auch andere Möglichkeiten. So scheint es mir vor allem unverzichtbar, dass die digitalen Projekte deutlich den originären wissenschaftlichen Schwerpunkten der Antragsteller entsprechen, so dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, die Sache am Leben zu halten. Als ganz wesentlich könnte sich die Zusammenarbeit mit der Informatik erweisen. Diese ist ja immer wieder von vielen Schwierigkeiten geprägt. Sie hängen wohl in erster Linie damit zusammen, dass wir Kunsthistoriker/innen meistens eigentlich nur einen Programmierer brauchen, der unsere Ideen realisiert, während die Informatiker gar keine Lust haben, einfach nur unsere Servicekräfte zu sein, sondern eigene Forschungsansprüche haben. Wenn ich hier wieder ein Münchener Beispiel nehme, dann nicht, weil ich unsere Projekte so toll finde (das natürlich auch!), sondern weil ich sie eben ziemlich genau kenne: Unser crowdsourcing-Projekt "artigo" läuft auch über die eigentliche Projektlaufzeit hinaus, weil die Informatiker auf dessen Basis reihenweise Forschungsarbeiten - von der Bachelorarbeit bis hin zur Dissertation - vergeben, die in erster Linie der Datenanalyse dienen. Kann man aus den Annotationen auf das Geschlecht des Eingebers schließen? Lässt sich aus der Tagmenge auf die Stilzugehörigkeit eines Kunstwerks schließen? Oder ein Datierungshinweis destillieren? Der in Kunsthistoriker-Ohren vielleicht exotische Klang solcher Fragestellungen verweist aber auch darauf, dass wir uns von den Informatikern zu neuen Fragestellungen anregen lassen sollten. So schlimm sind die Informatiker nämlich gar nicht. Sie haben Ideen, die auf den zweiten Blick gar nicht verrückt sind! Schön wäre es im übrigen, wenn auch wir hier Forschungsanliegen fänden, die sich auch vom neuen Medium anregen lassen und den Computer nicht immer nur krampfhaft an klassische kunsthistorische Fragestellungen fesseln. Das hat nichts mit Selbstaufgabe zu tun, sondern mit wissenschaftlicher Neugierde. Aber es setzt mindestens eine bescheidene informatische/statistische Kompetenz voraus. Um dies zu erreichen, wäre es im übrigen langsam einmal an der Zeit, auch entsprechende wissenschaftliche Mitarbeiter- oder gar Professorenstellen auszuschreiben, so wie dies die Archäologie - Beispiel Göttingen - schon tut.

Noch etwas anderes, was mir sehr am Herzen liegt, gehört in den Bereich der Nachhaltigkeit: Kunsthistoriker/innen neigen gewöhnlich dazu, die Ansprüche an die Qualität ihrer Arbeit eher zu hoch als zu niedrig anzusetzen. Das führt etwa bei der Freigabe von Bilddatenbanken zu einer Parusieverzögerung tendenziell ad infinitum. Zumindestens verleitet dieser Perfektionsanspruch dazu, Forschungsergebnisse, die eigentlich zum größten Teil schon vorhanden sind, auf Jahre an der Veröffentlichung zu hindern, obwohl nur noch Details fehlen. Alternativ wird die Erschließungstiefe so hoch angesetzt, dass man in der Praxis scheitert. Mir scheint da die Vorgehensweise etwa des New Yorker Brooklyn Museums viel empfehlenswerter: Hier werden Datenblätter mit einem Vollständigkeitshinweis versehen und die fehlenden Prozente nachgeliefert, zum Teil auch an die "crowd" delegiert. In dem dortigen Museum hat man eben verstanden, dass Wissenschaft auch eine praktische und nicht nur eine theoretische Tätigkeit ist. Sicher, ich kann mein ganzes Leben damit verbringen, über die Ikonographie des heligen Bernhard im Frühbarock zu forschen. Aber ist das in der Praxis sinnvoll? Und wenn schon, dann sollte ich die Ergebnisse zu Bernhard im spanischen Frühbarock doch schon bringen, bevor auch die des Restes klar sind. Mein Plädoyer hier klingt vielleicht übermäßig pointiert, aber es bringt die Sache auf den Punkt; "publish first, filter later" und "quick and dirty". Es ist billig, sich davon zu distanzieren und die eigenen Qualitätsvorstellungen hochzuhalten. Das wird übrigens besonders gerne von denen übernommen, die aufgrund eben dieser Qualitätsansprüche bis zum Schluss eigentlich fast gar nichts Greifbares fertigbringen. Und die dann die gesammelten Dokumente nicht etwa einem anderen Bearbeiter überlassen, sondern ängstlich für sich behalten. Als Medium der prinzipiellen Offenheit verlangt das Internet den Mut, sich zur Unvollständigkeit zu bekennen. Vielleicht wird es gerade auch deswegen von vielen Vertretern unseres Faches noch immer schief angesehen. Gleiches gilt übrigens auch für die Wissenschaftspublizistik in Aufsatz- oder Buchform und hat Konsequenzen für das traditionelle peer-reviewing. Aber das will ich hier nicht auch noch aufgreifen.

Auch die Frage nach der Qualitätssicherung, die mir ebenfalls gestellt wurde, ist damit schon halb beantwortet. An dieser Stelle hat das Internet natürlich ein Problem: Es enthält ungeheuer viel, aber das, was früher einmal über die Autorität der produzierenden Institution und des Autorennamens gesichert war, löst sich jetzt in der Kakophonie vielfältigster Stimmen auf, deren Identität kaum zu klären ist, geschweige denn, dass man ihre Autorität überprüfen kann. Auch hier wird man wohl oder übel der Weisheit des „publish first, filter later“ folgen müssen. Es muss zu einer Selbstverständlichkeit werden, dass jeder professionelle Internet-Nutzer zur Bewertung der Inhalte beiträgt. Indirekt tun er oder sie es ja sowieso, indem sie diese Inhalt downloaden, zitieren, evaluieren. Ein einfaches Beispiel hierfür findet sich in prometheus, wo man seit ein paar Jahren die Qualität der gelieferten Reproduktionen mit Sternchen versehen kann. Die Notwendigkeit hierzu hat sich aus genau dem eben erwähnten Grund ergeben: Die Inhalte in prometheus werden aus verschiedensten, nur begrenzt überprüften Quellen gespeist, aber anstatt sie aufwändig im Vorfeld zu überprüfen, lässt man das im Nachhinein und von den Usern machen. Bislang alllerdings wird die Verfahrensweise viel zu wenig genutzt.

 

 

Fortsetzung hier

 

 

 

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Das Auge des Arbeiters

16 Juni, 2014 - 21:10
Arbeiterfotografie und Kunst um 1930

arthistoricum.net listet für die Suche nach „Arbeiterfotografie“ rund 2.500 Treffer, darunter 2.400 Fotografien aus dem Bestand der Deutschen Fotothek der SLUB Dresden . Wesentliche Teile dieses Bildmaterials konnten im Rahmen eines dreijährigen DFG-Projekt 2009-2012 am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde digitalisiert und erschlossen werden. Die Ergebnisse dieser bislang umfangreichsten und detailliertesten Forschung zur visuellen Kultur der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik sind vor wenigen Tagen in der von Wolfgang Hesse herausgegebenen Publikation „Das Auge des Arbeiters. Arbeiterfotografie und Kunst um 1930“ erschienen.

 

Die Publikation ist zugleich Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung, die gegenwärtig in den Kunstsammlungen Zwickau, Max-Pechstein-Museum gezeigt wird (bis 3. August 2014; weitere Stationen: Käthe-Kollwitz Museum Köln, August-Oktober 2014  und Stadtmuseum Dresden, März-Juni 2015).

In der Zeit der Weimarer Republik beginnen Arbeiter, in Amateurfotografien eindrucksvoll ihre Lebenswirklichkeiten darzustellen und den Kampf der Arbeiterbewegung zu dokumentieren. Die Beträge des begleitend zur gleichnamigen Ausstellung herausgegebenen Bandes „Das Auge des Arbeiters“ (Spector Books, Leipzig) diskutieren die in den 1920er Jahren neu entstehende Bildkultur der Arbeiterfotografie und setzen sie ins Verhältnis zur zeitgenössischen Grafik und Malerei, insbesondere zu den Werken der Neuen Sachlichkeit und des Kritischen Realismus. Die Publikation enthält zudem ein Bestandsverzeichnis der 400 Fotografien des Leipziger Bauarbeiters und Bauhausschülers Albert Hennig (1907-1998) aus den Kunstsammlungen Zwickau, die in arthistoricum.net vollständig online recherchierbar sind.

Die Ausstellung belichtet die Weimarer Republik in Momentaufnahmen „von unten“. Rund 200 Fotografien lenken den Blick einer breiteren Öffentlichkeit auf bisher kaum wahrgenommene Akteure im Spannungsfeld zwischen privater Medienkultur und linker Propaganda: Arbeiter, Handwerker und Kleinbauern, die um 1930 ihre Lebenswelt fotografierten. Mit ihrem Alltag bildeten sie soziale wie politische Konflikte ab – und trugen damit zu deren agitatorischer Inszenierung in der Parteipresse bei. So erweisen sich die Amateuraufnahmen vom Beginn der Medienmoderne als Vorboten sowohl der DDR-Fotokultur als auch der heutigen Bilderflut des Internets.

Die Deutsche Fotothek ist in Zwickau mit rund 70 Aufnahmen von Kurt Beck, Hans Bresler, Kurt Burghardt, Erich Meinhold, Richard Peter sen. und Kurt Winkler vertreten. Acht großformatige Totenbilder von Richard Peter sen. werden eigens in einer Installation im Kuppelsaal des Museums präsentiert.

Bestand Arbeiterfotografie in der Deutschen Fotothek

 

 

 

 

 

 

Hans Bresler, Freital: Lesende Frau. Die Schwägerin des Fotografen beim Lesen der Zeitschrift "Der Arbeiter-Fotograf", 1928. Deutsche Fotothek df_pos-1986-a_0000006 

 

Für Ihren FID-Sammelschwerpunkt „Fotografie“ erwarb die SLUB 2013 im Zusammenhang mit diesem Projekt antiquarisch die Zeitschrift "Der Arbeiter-Fotograf". Dieser für die Fotografie- und Mediengeschichte der Weimarer Republik bedeutende Titel wurde digitalisiert und online für die Forschung bereitgestellt. 

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Die Subvention der akademischen Monographie und die Krise der amerikanischen Universitätsverlage: „Wer subventioniert wen?“

13 Juni, 2014 - 12:12

Es muss wohl jedem bekannt sein, dass die meisten akademischen Print-Publikationen über verschiedene Wege subventioniert werden und nicht zuletzt über die Einkäufe wissenschaftlicher Bibliotheken. Amerikanische Universitätsverlage können meistens nicht mehr als 600 bis 800 Exemplare ihrer Bücher umsetzen. Die Hälfte geht an Bibliotheken und das sind selbstverständlich Bücher in der aktuellen ‚Weltsprache‘. Wenn es um kleinere Sprachen geht, müssen die Zahlen erheblich niedriger sein. In Italien z. B. wirkt das ganze Verlagswesen wie eine einzige riesige ‚Vanity Press‘. Man fragt sich u. a., wie das sogenannte, heute hoch gepriesene Peer-Review Verfahren in so einer verfilzten Lage zu funktionieren hat.

Wahrscheinlich wären nur 100 Exemplare der meisten akademischen Monographien mehr als ausreichend, um die Nachfrage weltweit zu befriedigen – sicherlich für die Kunstgeschichte durch die Verteilung der Werke an weit weniger als 100 Fachbibliotheken.


Manche Gattungen der Kunstliteratur wie z. B. der Ausstellungskatalog schaffen es, ein breiteres Publikum zu erreichen. Meistens bietet das Internet dagegen – natürlich in Open Access – die Möglichkeit, Tausende von Lesern mühelos anzuziehen und dabei auch engere Fachgrenzen zu überspringen: nicht nur die vertrauten, herkömmlichen Fachkreise, sondern auch die unterschiedlichsten interessierten Leser aus allen Bereichen des Lebens. Digitale Technologien erweitern potenzielle Zielgruppen exponentiell und sie bieten einen leistungsstarken neuen Weg, um neue Zielgruppen zu erreichen.


Die Besucher, die in die Museen hineinströmen, sind nicht überwiegend Kunsthistoriker. Dass es ausgerechnet Kunsthistoriker sind, die die gedruckten Publikation einer digitalen Verbreitung bevorzugen, ist ein Zeugnis dafür, dass die akademische Veröffentlichung häufig eine vornehmlich zweckdienliche Rolle spielt, zuerst bei der Suche nach einem Platz im akademischen Beruf und später nach einem fortschreitenden Werdegang. Wer seine Elaborate lieber gelesen haben will, greift nach dem Digitalen.


Neulich hat Patrick Bahners über solche Themen in der FAZ geschrieben, in Zusammenhang mit der Krise der amerikanischen Universitätsverlage („Wer subventioniert wen?“; 4. Juni 2014, Seite N4). Auszüge aus seiner Überlegungen folgen:


(...) Die beiden Beispiele für unwahrscheinliche Bestseller [ „Mama Dip’s Kitchen“ und Thomas Pikettys „Capital“ ] nennt Scott Sherman in einem Artikel der linken Wochenzeitschrift „The Nation“ [ s. unten ] zur Lage der amerikanischen Universitätsverlage, der in diesen Tagen für Diskussion sorgt.


Sherman, dessen Artikel über die nun verworfenen Umbaupläne der New York Public Library [ online; siehe: http://www.thenation.com/article/179879/battle-42nd-street mit weiteren Links ] viel Aufmerksamkeit fanden, hat mit Verlegern großer und kleiner Universitätsverlage gesprochen. Er fasst eine Debate zusammen, die schon seit den späten neunziger Jahren eine Folge von Strategiepapieren und Manifesten hervorgebracht hat. Die 1937 gegründete Association of American University Presses, die Shermans Aufsatz zur Lektüre empfiehlt, hat mehr als 130 Mitglieder, davon eine Handvoll in Übersee. Das Kerngeschäft dieser Verlage ist nach wie vor die akademische Monographie, gewöhnlich die Buchfassung der Dissertation, an deren Überarbeitung in Amerika höhere Ansprüche gestellt werden als in Deutschland.


Der Absatz ist seit 1970 rückläufig, weil Bibliotheken immer weniger Titel bestellen. 2012 verkündete die University of Missouri die Schließung ihres Verlages. Stattdessen bot die Universität ihren Professoren einen studentischen Lektoratsservice an. Nach Protesten wurde die Entscheidung zurückgenommen.


Shermans Gewährsleute in den Verlagen geben an, vor zehn Jahren hätten sie mit dem Verkauf von 1000 Stück einer normalen Monographie, also des ersten Buches eines unbekannten Autors, an Bibliotheken kalkulieren können. Seitdem ist dieser Wert auf 300 bis 400 Stück gefallen – ein Rückgang um 60 bis 70 Prozent in einem Jahrzehnt. Wenn sich ein solcher Spezialtitel gut verkauft, kommt noch einmal die gleiche Menge an Exemplaren für Privatkunden hinzu; im Normalfall decken die Bibliotheken mehr als die Hälfte des Absatzes ab.


Immerhin ist die Zahl der Lehranstaltsbibliotheken, die ein bestimmtes Buch erwerben, immer noch drei- bis vielmal höher als die Lehranstalten, die einen Verlag unterhalten. Die allermeisten University Presses sind auf eine jährliche Subvention ihrer Alma Mater angewiesen; sie bewegt sich zwischen 150 000 und 500 000 Dollar. Obwohl die Ankaufsetats der Bibliotheken sinken, ist die Macht der Bibliothekare gewachsen, da sie nicht mehr die gesamten Listen akademischer Verlage blind ordern. In dieser Lage sind einige Universitätsverlage ihren Bibliotheksdirektoren unterstellt worden. Einige Verleger klagen, hier werde der Bock zum Gärtner gemacht, da die Bibliothekare häufig Anhänger des Open-Access-Systems der kostenlosen Zwangsverteilung von Publikationen seinen.

(...)

(...)


Da die Universitäten durch ihr verlegerisches Engagement indirekt die Publikationen von Angestellten anderer Universitäten finanzieren, handelt es sich bei ihrem Verlagswesen um eine große Umverteilungsmaschine. Wie hoch der Anteil der Autoren ist, die in Institutionen jenseits des Kreises der 130 Verlagsbesitzer arbeiten und etwas von deren Wohlstand abbekommen, überschlägt Sherman nicht. Im öffentlichen Elektropostumlauf wurde am häufigsten die Stelle des Artikels zitiert, an der er anhand eines Beispiels die Gegenrechnung aufmacht: „Wenn die University of Colorado Press die Monographie eines jungen Gelehrten in Dartmouth publiziert, die dem Autor dort eine feste Stelle einträgt, subventioniert die University of Colorado Press im Ergebnis mit ihrem sehr bescheidenen Budget Dartmouth, das ein Stiftungsvermögen von 3,7 Milliarden Dollar und außerdem einen eigenen kleinen Verlag besitzt.“


Die amerikanische Ausgabe von Pikettys Bestseller ist womöglich ein Symptom für die vom Autor beklagte ungerechte Verteilung des Kapitals. Die Verlage der Universitäten Harvard, Princeton und Yale verfügen über eigene Stiftungsvermögen. Sherman wirbt dafür, dass die Universitätsverlage den Konzentrationsprozess nachvollziehen, der bei den großen Publikumsverlagen fünf Konzerne übriggelassen hat. Zusammenschlüsse sollen die Kapazitäten für die Entwicklung digitaler Produkte schaffen, das Geld sollen die reichsten Universitäten geben.


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MWW – Mit 13 Millionen Euro zur Verfügung bündeln Marbach, Weimar und Wolfenbüttel ihre Forschung

13 Juni, 2014 - 10:37

Vor einem Jahr haben sich die FAZ und der Wissenschaftsrat mit Wolfenbüttel und seiner Zukunft beschäftigt ( s. Blogbeitrag vom 6.5.2013 ). Jetzt ist es offiziell – „Marbach, Weimar, Wolfenbüttel bündeln ihre Forschung“ – wie in der Süddeutschen Zeitung (Nr. 115, Dienstag 20. Mai 2014, S. 11; s. unten ) zu lesen ist. Unter den Empfehlungen des Wissenschaftsrates für Wolfenbüttel vom letzten Jahr liest man: die Einrichtung solle enger mit anderen nationalen und internationalen wissenschaftlichen Einrichtungen zusammenarbeiten. Ferner wurde eine intensivierte Zusammenarbeit mit Weimar und Marbach empfohlen.


Stempel der Herzog August Bibliothek


Siehe: Wissenschaftsrat > Pressemitteilung: Nummer 11 vom 29. April 2013 .
Ferner: Stellungnahme zur Herzog August Bibliothek (HAB) Wolfenbüttel (Drs. 2997-13) . [PDF-Dokument / 87 Seiten]
Hintergrundinformationen zur Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel . [PFD-Dokument / 2 Seiten]

Die Herzog August Bibliothek besitzt eine immense Bedeutung für die historische und kunsthistorische Erforschung des Mittelalters und der frühen Neuzeit, vor allem wegen ihrer Sammlung historischer Quellen und in neuerer Zeit wegen der Digitalisierung dieser Quellen. Die neue Förderung durch das BMWF geht auf eine Empfehlung des Wissenschaftsrates von 2013 zurück, die drei Einrichtungen enger zusammenzuführen, um sie auch international sichtbarer zu machen.


In der Süddeutschen Zeitung ließt man:


„Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach, die Klassik Stiftung Weimar und die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel kooperieren künftig unter der Chiffre „MWW“. Es geht um eine bessere Erschließung und Erforschung der Bestände dieser bedeutenden Archive der deutschen Kultur, aber auch um eine größere internationale Wirkung. Mit einem Festakt und einem Grußwort der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, wurde jetzt am Montag in Berlin der Forschungsverbund vorgestellt. Das Vorhaben trägt einer Empfehlung des Wissenschaftsrates aus dem Jahr 2011 [ 2013 ?] Rechnung. International ausgeschriebene Stipendienprogramme gehören ebenso dazu wie die gemeinsam betriebene Ausweitung der „Digital Humanities“. In der ersten Phase, für die 10 Millionen Euro zur Verfügung stehen, sollen drei Vorhaben [sic] gemeinsam durchgeführt werden. Die Themen: „Autorenbibliotheken“, „Bildpolitik“ und „Text und Rahmen“.“

„Für die Koordinierung des Forschungsverbundes wird eine Geschäftsstelle mit Sitz am Wissenschaftskolleg zu Berlin eingerichtet, Geschäftsführerin wird zum 1. Juli die Ideenhistorikerin und Philosophin Sonja Asal, die derzeit am ‚Center for Advanced Studies’ (CSA) der LMU tätig ist. In Berlin residiert bereits seit 2007 die von den Verbundpartnern gemeinsam herausgegebene Zeitschrift für Ideengeschichte .“


Weitere Informationen:



Blick auf die sogenannte Mittlere Aufstellung der Herzog August Bibliothek mit Bänden aus dem 17. und 18. Jahrhundert

Bei der neuesten Entscheidung bleiben die Fragen unbeantwortet, die in der FAZ vor einem Jahr gestellt worden sind:

 

„Bleiben zwei Fragen:  Welchem Bundesministerium wird denn die Herzog August Bibliothek als Zuwendungsempfängerin empfohlen? Und soll es, wie in Marbach und Weimar, der Bundeskulturminister sein, oder wäre nicht doch das Forschungsministerium und eventuell die Leibnitz-Gemeinschaft die besseren, weil finanzstärkeren Adressen? Die andere Frage betrifft den angestrebten Verbund der drei Bücher-, Schriften-, Bilder-, und Museumshäuser. Er ist kein leichtes Unterfangen, denn nicht nur sind die Schnittmengen aus Früh- und Vorneuzeit, Weimar und der Literatur seit dem neunzehnten Jahrhundert überschaubar. Auch die jeweiligen Forschungstemperamente unterscheiden sich zumeist sehr. Die Resonanz der Goetheschillerwelt in der Öffentlichkeit ist eine andere als die der Reformationsepoche oder des lateinischen Europa. Andererseits ist in Wolfenbüttel eine genuin europäische Geisteswelt präsent, wohingegen Marbach und Weimar einen nationaleren Akzent haben.“

„Gemeinsam sind den drei Häusern vor allem Fragen der Digitalisierung von Beständen, des Editionswesens und der Forschungsorganisation. Vergleichbar ist auch das Alter ihrer Leiter: des Sinologen Helwig Schmidt-Glinzer (64), des Juristen Hellmut Seemann (59) in Weimar und des Historikers Ulrich Raulff (63) in Marbach. Die Sachfragen des geplanten Verbundes hängen also mit künftigen Personalfragen zusammen. Wenn sich die Kooperationen nicht auf eine gemeinsame digitale „Umgebung“, abgestimmte Stipendiensysteme und epochenübergreifenden Konferenzen – „Das Mittelalterbild von Melanchthon bis Mörike“ – beschränken soll, braucht es darüber hinaus vor allem eines: Ideen und eine Koordinationsstelle, der man eigene Entscheidungen zu ihre Verwirklichung zutraut. Das gegeben, behielte die vernetzte Provinz des Geistes alle Vorzüge.“

Der Verfasser kennt Wolfenbüttel aus Stipendienzeiten und Forschungsaufenthalten. 1994 hat er an die Konzeption und Realisation der Jahresausstellung teilgenommen; Katalog: Margaret Daly Davis, Archäologie der Antike aus den Beständen der Herzog-August-Bibliothek, 1500-1700 (Ausstellung im Zeughaus der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, vom 16. Juli bis 2. Oktober 1994), Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 1994).

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